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Gewinnoptimierung um jeden Preis?
Langfassung, 24. März 2005
Essay zum Thema:
Nachhaltiges Wirtschaften und Globalisierung im Spannungsfeld
Mein Weg in einer globalisierten Welt
Global -- regional -- nachhaltig
Zusammenfassung
Den negativen Auswirkungen des Phänomens Globalisierung
ist auf den ersten Blick so gut wie nicht beizukommen.
Überall, so scheint es, verlagern sich Interessen mehr
und mehr weg vom Wohle des Individuums und hin zu jenem
großer Konzerne. Eine bessere Welt ist dennoch kein
Ding der Unmöglichkeit, was einige höchst erfolgreiche,
nicht-kommerzielle Beispiele auch belegen.
Wer unsere Welt aus einer etwas distanzierteren
Perspektive betrachtet, könnte ohne Weiteres zum
Schluss kommen, dass sich diese durch die Auswirkungen
der Globalisierung in eine menschenfeindliche Umgebung
des uneingeschränkten Kapitalismus verwandelt. Die
Zeichen dieser Entwicklung sind in nahezu allen
Lebensbereichen deutlich wahrzunehmen. Globalisierung
beginnt in der eigenen Wohnung und zieht sich durch bis
ins noch so abgelegene Dorf der so genannten "dritten Welt"
. Von diesem Begriff ist man in letzter Zeit aus
Gründen der politischen Korrektheit mehr und mehr
abgekommen, was an den katastrophalen Zuständen in
jenen Staaten leider nicht das Geringste ändert.
Und es stimmt tatsächlich -- der Mensch entgeht den
Auswirkungen der Globalisierung nicht. Viele denken bei
diesem Begriff in erster Linie an ausbeuterische
Zustände in Ländern fern von unserem angeblich so
zivilisierten Europa. Doch auch hier sind die
Auswirkungen immer deutlicher zu spüren. Das
Erschreckende an dieser Entwicklung ist, dass sie vor
absolut nichts halt macht. Egal ob es nun den Bereich
soziale Sicherheit, Beschäftigung, Unterhaltung oder
Datenschutz betrifft. Die Deutsche Bank folgt dem
Beispiel amerikanischer Unternehmen und baut trotzt
prosperierender Geschäfte Mitarbeiter aus Gründen der
"Gewinnoptimierung" ab. Gewinn ist gut -- mehr Gewinn
kann daher nur besser sein. Menschen, oder, um einen
gerne verwendeten Euphemismus zu gebrauchen, "Humankapital"
-- nicht mehr als eine unbedeutende Variable, die es
mit dem Ziel des maximal möglichen Gewinns zu
optimieren gilt.
Technologie eröffnet uns fantastische Möglichkeiten.
Computer und Internet sind nur der bisher letzte Gipfel
einer Entwicklung, die mit der Erfindung des
Buchdruckes gegen Ende des Mittelalter ihren Ausgang
genommen hat. Vorbei sind die Zeiten, als Bücher und
somit Wissen nur für Hochprivilegierte verfügbar waren.
Vorbei sind die Zeiten, als noch der Dorfpriester das
Interpretationsmonopol für die religiösen Schriften
inne hatte. Vorbei sind die Zeiten, als es für den
gewöhnlichen Bürger noch unmöglich war, sich über seine
Schulbildung hinaus neues Wissen zuzufügen. Und doch
sind diese neu gewonnen Freiheiten immens in Gefahr.
Denn Technologie kennt keine Moral. Der gleiche
Rundfunk, der Menschen eigentlich informieren und
unterhalten soll, wurde zur Zeit des
Nationalsozialismus für abscheuliche Propagandazwecke
genutzt. Die gleichen E-Mails, die mich mit
geographisch weit entfernten Freunden kommunizieren
lassen, können auch zur totalen Überwachung verwendet
werden. DRM, Digital Rights Management, heißt das
Schlagwort dieses Trends. Damit kann man bestimmen, wie
oft man eine Musikdatei abspielen und wie oft kopieren
kann. Damit kann man bestimmen, was der Konsument mit
seinem Computer machen darf und was nicht. Die Musik-
und Filmindustrie ist angesichts dieser neuen
Möglichkeiten hellauf begeistert. Spätestens wenn die
nächste Version von Microsofts Windows diese
Technologie fix integriert hat, will man das heute
bestehende Problem der großen Verbreitung von über das
Internet ausgetauschten Musikdateien und Filme
endgültig gelöst haben. Die propagandistische Vorarbeit
dazu wird schon heute geleistet. Systematisch soll der
Mensch vom mündigen Benutzer der Technologie zum
zahlenden Konsumenten konvertiert werden. Die
Missbrauchsmöglichkeiten, die sich daraus allerdings
ergeben, sind nicht zu unterschätzen. Damit kann man
auch bestimmen, wer Informationen erhalten darf. Und
wer nicht.
Und doch geht es uns in Europa sehr gut im Vergleich zu
wirtschaftlich weniger hoch entwickelten Ländern. Fast
lächerlich klingt die Klage über unsere Bevormundung
durch die Technologie angesichts der Tatsache, dass in
den Regionen des grenzenlosen Elends die meisten
Menschen nicht einmal wissen, was ein Computer ist. Der
so wichtig Anschluss an die globale Vernetzung bleibt
ihnen bis auf Weiteres versagt. Die typischen Beispiele
von den in Kinderarbeit hergestellten Fußbällen oder
Marken-T-Shirts kennt jeder. Was aber am meisten
erschreckt ist die Tatsache, dass ohne die Ausbeutung
der Bevölkerung dieser Länder unser hoher
Lebensstandard gar nicht so leicht möglich wäre. Die
Europäische Union subventioniert den Anbau von
Zuckerrüben in ihren Mitgliedstaaten enorm. So lohnt
sich der Anbau auch in den Ländern Skandinaviens, wo es
eigentlich viel zu kalt wäre, oder in Italien, wo das
Klima für Zuckerrüben eigentlich viel zu warm ist. Ein
kompliziertes System von Quoten garantiert in erster
Linie den Bauern einen Preis, der weit über jenem des
Weltmarktes liegt. Die EU schottet auf diese Weise
ihren Markt für Zucker systematisch ab, und klimatisch
eigentlich viel begünstigtere Zuckerproduzenten wie
beispielsweise Brasilien bleiben außen vor. Zu allem
Überfluss wird mit dem EU-Quotenüberschuss der
Weltmarkt überflutet -- zu Dumpingpreisen, was die
Konkurrenzfähigkeit ärmerer Länder zusätzlich mindert.
Viele Menschen kaufen gerne fair gehandelten Kaffee
oder "faire" Schokolade -- doch wir müssten unsere
Ansprüche ziemlich zurückschrauben, würden sämtliche
Güter des täglichen Bedarfs nur noch fair gehandelt.
Schuld an dieser Misere sind in erster Linie die
gigantischen Gewinnspannen, die von den multinationalen
Unternehmen beim Handel mit diesen Gütern lukriert
werden. Korrupte, selbst auf maximalen Profit
orientierte und überhaupt nicht demokratische
Regierungen, unmenschlich agierende Konzerne und die
vollkommen ohnmächtigen Vereinten Nationen tragen alle
ihren Teil zum Leid der mittellosen Bevölkerung in den
Ländern des modernen Lohnsklaventums bei.
Die Regierungen in Europa stehen den aktuellen
Entwicklungen mehr oder weniger machtlos gegenüber.
Jene der Vereinigten Staaten von Amerika geht sogar
noch weiter und unterstützt offen die Interessen der
großen Unternehmen. Für den gewöhnlichen Bürger wird es
angesichts dieser Trends zusehends schwieriger,
überhaupt noch durchzublicken, wer wirklich das Land
regiert. Zu dicht ist schon das Netz der Lobbyisten und
Interessensvertreter, zu undurchsichtig ist, wer
tatsächlich die Kontrolle inne hat.
In einer solchen Welt ist etwas, das dem allgemeinen
Trend der totalen Kommerzialisierung mehr als
erfolgreich trotzt, auf den ersten Blick ein Ding der
Unmöglichkeit. Und doch zeigen Beispiele, dass das
Gegenteil der Fall sein kann. Die Idee von Open-Source-
oder "quelloffener" Software wurde durch das freie
Betriebssystem Linux populär gemacht. Wer das erste Mal
damit konfrontiert wird, hält das Konzept meist einfach
nur für absurd. War es doch lange und ist es immer noch
gängige Praxis, dass auch Programme für den Computer so
wie jedes andere Produkt im Geschäft verkauft werden.
Einmal fertig gestellt allerdings, beschränken sich die "
Herstellungskosten" einer de facto ad infinitum
reproduzierbaren Ware auf jene für eine CD plus
Verpackung -- kein Wunder, dass Bill Gates so reich
ist. Und nun gehen Programmierer her und verschenken
ihre oft in der Freizeit verrichtete Arbeit einfach an
die Allgemeinheit, ohne dafür auch nur einen Cent zu
erhalten. Zu allem Überfluss stellen sie auch noch
sämtliche Quelltexte, also den eigentlichen Code, mit
dem das Programm geschrieben wurde, zur Verfügung. Die
Idee mag im Computerbereich revolutionär sein, aber neu
ist sie nicht. In Form der modernen wissenschaftlichen
Methode hat sie schon seit Jahrhunderten den
Fortschritt überhaupt erst möglich gemacht. Was
allerdings mit Open-Source im Laufe der Jahre
entstanden ist, ist ein System, das heutzutage den
Vergleich mit kommerziellen Alternativen nicht mehr zu
scheuen braucht. Denn wer seine Arbeit frei zur
Verfügung stellt, darf seinerseits die Arbeit anderer
ohne Einschränkungen verwenden. Ein offen gelegter
Quelltext sorgt zudem dafür, dass sich plötzlich viel
mehr versierte Menschen auf die Suche nach etwaigen
Fehlern im Code machen können -- und das Endergebnis
sind qualitativ hochwertigere Programme. Die Geschichte
von Linux ist nicht nur eine Geschichte des
unglaublichen Erfolges, sie ist auch eine Geschichte
der positiven Aspekte der vielfach nur negativ
gesehenen Globalisierung. Weltweite Kooperation über
das Internet hat den Erfolg der freien Software erst
möglich gemacht. Die freie Internet-Enzyklopädie
Wikipedia schickt sich an, diesen Erfolg auf dem Gebiet
des Wissens zu wiederholen, und sie ist schon auf dem
besten Weg dorthin.
Die größte Herausforderung für uns besteht
wahrscheinlich darin, auch die ärmeren Staaten von den
Vorteilen der globalen Vernetzung profitieren zu
lassen. Bis es soweit ist, haben wir noch einen langen
Weg zurück zu legen. Wir müssen den Einfluss der
riesigen Wirtschaftsmächte zurückdrängen und den
Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen
kritisch sein, skeptisch gegenüber den Trends der Zeit
und doch offen für Veränderungen. Eine langsame und
kontinuierliche Evolution zu einer besseren Welt ist
durchaus im Bereich des Machbaren. Eine Evolution zu
einer Welt, in der materielles Streben keine Bedeutung
mehr hat und Hunger oder Krieg unbekannt sind. Eine
Welt, in der Wissenschaft und Kunst eine noch nie zuvor
da gewesene Blütezeit erleben. Es braucht wahrlich
einen Haufen Idealismus dafür!
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