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Die europäische Marsmission ist ein Fehlschlag und Wissenschaft ist sowieso viel zu teuer (?)
8. Jänner 2004
So oder ähnlich ist der Grundtenor vieler Aussagen, meist getätigt von kurzsichtigen bzw. vor allem uninformierten Menschen. Dass Wissenschaft erstens esentiell und zweitens ohnehin dauernd unterfinanziert ist wissen viele aber nicht.
Unwissenheit ist wohl die Hauptquelle für derartige Aussagen. Und einen nicht unwesentlichen Teil tragen die Medien zu dem Dilemma bei. Auf den Beagle 2 Lander der ESA-Sonde Mars Express möchte ich gleich zu Beginn kurz eingehen: Zur Vorinformation sei gesagt, dass es bisher nicht gelungen ist, mit dem Landegerät Beagle 2 Kontakt aufzunehmen, auch nicht direkt über die Muttersonde Mars Express, als diese am 7. Jänner 2003 um 13:15 Uhr MEZ in nur 315 km Höhe über den vermuteten Landeort hinwegflog. Bereits frühere Kontaktversuche mit der in der Nacht auf den 25. Dezember 2003 in die Marsatmosphäre eigetretenen Sonde waren nicht erfolgreich. Obwohl es nicht ausgeschlossen ist, dass die Sonde die Landung überstanden hat und doch noch sendet, kann davon ausgegangen werden, dass irgend etwas schief gegangen ist und wir vom Mini-Marslabor Beagle 2 wohl keinerlei Daten erhalten werden. (Sollte es doch noch ein Lebenszeichen geben, werde ich sofort ein Update online stellen). Soweit, so schlecht für die europäische Weltraumbehörde. Irgendwie ist es dann aber schon seltsam, wenn ein Experiment, das 10% der ESA-Marsmission ausmacht, scheitert, plötzlich die allgemeine Meinung vorherrscht, die ganz Mission sei gescheitert. Immerhin funktioniert der Haupteil der Mission, der Orbiter Mars Express der unter anderem nach Wasser suchen soll, exzellent und soll jetzt für etwa zwei Jahre lang kontinuierlich den Planeten mit diversen wissenschaftlichen Geräten untersuchen und die Ergebnisse zur Erde senden. An der allgemeinen Fehleinschätzung über den Erfolg nicht unbeteiligt sind hier wohl die Medien und auch die Tatsache, dass die amerikanische Sonde Spirit Anfang dieses Jahres samt Solar-Rover sicher auf der Oberfläche des Planeten aufgesetzt und auch schon zahlreiche Bilder übermittelt hat. Ich freue mich auf jeden Fall über den großartigen Erfolg beider Missionen und kann der unseeligen Schwarzmalerei nur entschieden entgegentreten.
Das war das eine Thema. Das andere ist weitaus umfassender. Es geht um Wissenschaft und Grundlagenforschung an sich. Hier gehen die Emotionen hoch. Provokant gefragt - Was bringt es uns wirklich, ein 300 Millionen Euro teures Gerät zum fernen Mars zu schicken, nur um dort den Planeten zu untersuchen und nach Wasser und Lebensspuren zu suchen? Was bringt es uns wirklich Milliarden für Teilchenbeschleuniger aufzuwenden, in denen vielleicht ein paar exotische neue Materieteilchen entstehen und sofort wieder vernichtet werden? Die Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen. Von den Gegner wird meist die Keule des Kostensarguments geschwungen. Viel zu teuer, heißt es dann, man solle lieber diese Unsummen nicht so sinnlos vergeuden und stattdessen der sg. Dritten Welt helfen oder auch "Nützliches erforschen". "Die Wissenschaft" habe sich gefälligst um die wirklichen Probleme auf der Erde kümmern und soll nicht nutzlose Kisten zum Mars schicken. Wenn es doch so einfach wäre. Dieser Argumentation liegen zwei Grundirrtümer zu Grunde:
Der erste ist, dass für Wissenschaft riesige Geldmengen ausgegeben würden. Dem ist (leider) nicht so. Tatsächlich müssen Institutionen wie NASA oder ESA, um ausgehend vom Auslöser dieses Artikels in der Raumfahrt zu bleiben, ständig mit schrumpfenden und viel zu kleinen Budgets kämpfen. Im Vergleich zu dem, was für Rüstung ausgeben wird, sind auf den ersten Blick im wahrsten Sinn des Wortes "astronomische" Wissenschaftsbudgets plötzlich gar nicht mehr so hoch. Carl Sagan schreibt in seinem letzten Buch "Gott und der tropfende Wasserhahn", dass die jährlichen Verdeitigungsausgaben auf der Erde etwa 1 Billion Dollar betragen. Ausgeschrieben sind das 1.000.000.000.000 bzw. 1012 Dollar. Oder anders gesagt, tausend Milliarden oder eine Million Millionen Dollar. Eben eine Eins mit 12 Nullen dahinter. Jährlich. Leicht möglich, dass Sagans kurz vor seinem Tod 1996 verfasstes Werk längst nicht mehr aktuell und der tatsächliche heutige Wert noch um einiges höher ist. Vielleicht könnte man ja davon einen Teil abzweigen, um tatsächlich die Entwicklungsländer zu unterstützen. Oder um in unsere Region zu kommen: Österreich, ein Land mit acht Millionen Einwohnern und sehr geringen Militärausgaben, gibt mehr als eine Milliarde Euro für 18 Eurofighter-Kampfflugzeuge aus, eine Investition, deren Sinnhaftigkeit sehr zu bezweifeln ist. In Relation dazu sieht dann die 300 Millionen Euro teure und von Hunderten Millionen Europäern finanzierte Mars Express Mission doch nicht so teuer aus. So viel zum leidigen Thema Geld.
Der zweite und bei noch bei weitem wichtigere hat mit dem Stichwort Nachhaltigkeit zu tun: Viele Entdeckungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen nicht sofort die Möglichkeit der praktischen Anwendung. Die Geschichte lehrt uns zahlreiche Beispiele. Was für ein sinnloses Unterfangen war es, dass Kolumbus übers Meer aufbrach und Mensch und Material höchster Gefahr aussetzte, nur um ohnehin für sich persönlich nicht viel zu erreichen? Was muss Samuel Clerk Maxwell doch für ein Spinner gewesen sein, dass er sich mit elektromagnetischen Wellen befasste, die man nicht einmal sehen kann? (Heute wäre ohne seine damalige Grundlagenforschung unsere gesamte moderne Technik, vom Radio über den Fernseher und den Computer bis zum Mobiltelefon, undenkbar). Oder Alexander Fleming, der an irgend einem Schimmelpilz herumgeforscht hat. Sinnlos, nicht wahr? (Er hat dann das Penizillin entdeckt, das die Mediziin revolutiniert hat. Ich könnte noch zahlreiche weiter Beispiele aufzählen.Es läuft immer auf das Gleiche hinaus: Man kann einfach nicht "so drauflos erfinden". Bestimmte Grundlagen müssen vorhanden sein. Grundlagen, die nur durch vorerst sinnlose Forschung überhaupt erst geschaffen werden können. Aus diesem Grunde ist es geradezu essentiell für die Menschheit, dass wir die Wissenschaft noch viel mehr als bisher fördern und unterstützen. Und auch in der Bevölkerung und bei unseren Kindern die Beigeisterung und das Verständnis für sie wecken. Wir sind erst am Anfang, so Vieles müssen wir noch lernen. Wenn alle Menschen immer nur Anhänger der vermeintlichen "Realisten"-Mentalität gewesen wären - wir würden wohl noch in der Steinzeit oder auf Bäumen leben.
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